Die Entstehung der Erde und des Lebens im Germanischen Glauben

Der germanische Glaube, der Glaube um Göttergeschlechter, Riesen, über- und unterirdische sowie himmlische Welten, Honigwein und anderen Met – dieser Glaube ist weniger eine feste Religion, wies es etwa das Christentum ist. Vielmehr handelt es sich um eine Ansammlung von Sagen, in denen als Götter bezeichnete Geschlechter hervorgehen, die aber oft nur als Metapher für das stehen, was sich im irdischen Leben abspielt. Und so wie der Fortschritt der Erde und der Menschheit schon von jeher ersichtlich ist, so ist auch die Entstehung der Erde im germanischen Glauben eine Metapher für eben diesen. Denn es waren nicht die Götter, welche die Welt gemacht haben. Die Welt und aus ihnen die Götter haben sich entwickelt, sind besser gesagt: geworden.

Am Anfang war ein leerer, ja unendlicher Raum, der als Abgrund oder als gähnender Schlund verdeutlicht wurde. Aus bzw. in diesem Abgrund entstand die Welt; sie entwickelte sich in zwei Teilen, den Himmelsrichtungen Nord und Süd entsprechend. Erst bildete sich der Nordteil aus. Dort entstand Niflheim, auch Nebelheim genannt. Am Südende der Leere entstand dementgegen ein flammendes Land, das Muspelheim genannt wird. Aus dem nördlichen Nebelheim flossen nun zwölf Ströme, aus dem Brunnen Hwergelmir kommend, gen Süden. Aus der Vermengung von Eiseskälte und Hitze, aus dem dadurch aufkommenden Dunst entstand Ymir, auch Örgelmir genannt.

Ymir war ein Hrimthurse, ein Reif-Riese. Oder vielmehr war er der Vater aller Reif-Riesen. Söhne Ymirs sind unter anderem Wafthrudnir und Bergelmir. Ein weiteres Wesen, das neben Ymir entstand, war Audumbla, eine Kuh, von deren Milch sich Ymir ernährte. Die Kuh leckte an salzigen Eisblöcken und legte damit den Mann Buri frei, dessen Name „der Zeugende“ bedeutet. Sein Sohn heißt dementsprechend Bör, „der Geborene“. Bör nahm Bestla zur Frau, die Tochter des Riesen Bölthorn, dessen Name „Unheilsdorn“ bedeutet. Aus dieser Verbindung nun gehen drei Söhne hervor: Odin, Wili und Wê. Diese Geschichte darf man sich, wie einen guten Honigwein kaufen und auf der Zunge zergehen lassen. Denn sie bedeutet eins:

Die Götter und allem voran Odin, der den Met der Dichtung trank, gehen aus einem rohen Geschlecht, aus dem der Reif-Riesen hervor. Zumindest von der mütterlichen Seite fließt deren Blut in den Adern Odins. Dennoch verkörpert er die Entwicklung, die Geist-Werdung des fleischlichen Lebewesens. Durch die Suche nach Wissen und Antworten zeigt er als Metapher das Streben der Menschen durch Kunst, Kultur und Wissenschaft. So kann man es auch verstehen, wie aus dem natürlichen Honig der menschengemachte Honigwein, der Met hervorgeht.