Weitere Betrachtungen zu Odin – Teil II

Odin ist nach der germanischen Götter- und Sagenwelt ein rastloser Geist. Während die Götter neben und unter ihm oft nur im Moment verweilen und sich weder um Vergangenes, noch um Zukünftiges scheren, so treibt es Odin stets um. Er ersieht nicht zuletzt auch Ragnarök, die letzte Schlacht – der Grund, aus dem er Kriege auf der Erde sät, aus denen seine Einheriar, seine Schreckenskämpfer, mit denen er Walhall füllt, hervorgehen. Er nimmt zahlreiche Opfer auf sich, gibt sogar eines seiner Augen, um immer mehr Weisheit anzusammeln. Aus diesem Wissensdrang geht Odin als Gott hervor, der nicht zuletzt auch Gott der Dichtung ist.

Dabei war es auch schon den Germanen wohl bekannt, dass die Dichtung, dass ihr Grundgedanke oft aus starken Gefühlen hervorgeht. So wie die Dichtung dem Lesenden und Hörenden einige Emotionen abverlangen kann, so gilt dies auch für ihren Entstehungsprozess. Odin wusste dies den Sagen nach auch. Er war auch nicht selten der Grund für anderer Wesen Gram. So liebte er einmal die Riesen-Tochter Gunnlöd, nur um an den Met der Dichtung heranzukommen, den sie verwahrte und bewachte. Der Met der Dichtung war aus dem Blut des Zwerges Kwâsir gemacht – einem weisen, fast allwissenden Zwerg, der auf jede Frage eine Antwort kannte. Nachdem Odin sich diesen Trank einverleibt hatte, entschwand er in Gestalt eines Adlers.

Gunnlöd wartete lange auf seine Rückkehr und grämte sich dabei arg. Auch Odin ließ die Geschichte nicht unbewegt. Dennoch brachte er – gestärkt durch den Trank der Weisheit – die Dichtkunst nach Walhall. Aus seinen Erzählungen von Gunnlöd, der Zeit mit ihr und seiner Tat ging Odin als erster Dichter der Welt hervor. Somit bekam diese Kunst etwas Göttliches.

Es ist auch eine weitere Metapher, die zeigt, dass ein Dichter trunken ist, wenn er Großes schafft: entweder an Gefühlen, an einer großen Idee, an Honigwein oder an einer Mischung aus allem. Auch konnte und kann man trunken an Weisheit sein, die Dichtung galt im germanischen Glauben sogar als die „höchste Weisheit“; nach dem Motto „Wahre Schönheit ist schöne Wahrheit“. Nach seiner Wiederkehr bezeichnet Odin das Getränk aus Gunnlöds Kammer zudem als „Odrörir“, als Geistrührer.

Durch das Göttliche im Handwerk, das mit Worten schmiedet, erlangten die Dichter in den germanischen Völkern einen hohen Rang. Dichtende Adlige waren hochangesehene Leute. Und eine Schmäh-Dichtung für einen Feind, in der er auch noch verhöhnt wurde, kam nicht selten einem Schlag ins Gesicht, ja fast einer Kriegserklärung gleich. Und so hatte auch in diesem Sinne Odin seine Macht ausgespielt.